Das Märchen von der Unstrutnixe


In einer alten Mühle an der Unstrut wohnte ein finsterer Müller, welcher glaubte, mit Geld alles in der Welt erreichen zu können. Das Stauwehr, das er an den Fluß hatte bauen lassen, um die Wasser der reißenden Unstrut für seine Mühle nutzbar zu machen, war durch die heranbrausenden Wassermassen während der Schneeschmelze zerbrochen.

Nun ließ er also einen Baumeister kommen. Er forderte ihn auf, „gegen einen anständigen Lohn“ das Wehr wieder aufzurichten und auszubessern. Als der hinterlistige Baumeister eine Weile den zerbrochenen Bau angesehen hatte, zog er den Müller beiseite und flüsterte ihm dann ins Ohr:„Die Mühe ist umsonst ...“

„Ja“, flüsterte der Baumeister noch einmal, „unsere Mühe ist umsonst, wenn Ihr nicht im geheimen ein Kind kauft, das noch an der Mutterbrust trinkt. Das müssen wir lebendig mit einmauern“, antwortete der gewissenlose Baumeister, „wenn das Wehr der Gewalt des Wassers widerstehen und nicht in seinen Grundfesten erschüttert werden soll.“

Eifrig und in aller Heimlichkeit war der Müller nun darauf bedacht , ein solches Kind zu kaufen. Doch hier schien die Macht seines Geldes zu Ende. Er ging in die ärmlichsten Katen, und davon gab es gar viele zu damaliger Zeit im Thüringer Land. Er ging zu den ärmsten Witwen, die kaum etwas für sich und ihre Kinder zu beißen hatten. Keine brachte es übers Herz, ein lebendes, wehrloses Wesen für Geld zu verkaufen.

Das hatte der schurkische Baumeister erwartet. Jetzt, als ihm der Müller die Ohren vollklagte, hielt er seine Zeit für gekommen. Er versprach dem Müller, ehe eine Woche vergehe, wolle er ihm den Kaufpreis sagen und ihm das Kind bringen. Damit verließ er die Mühle. Einen lang gehegten Rachewunsch wollte er sich jetzt erfüllen.


Unweit der Mühle wohnte in einer Kate eine Frau mit ihrem Säugling. Ihr Mann war im Turm zu Thamsbrück. Der arme, bei ihm in tiefer Schuld stehende Häusler hatte einst das Mädchen gefreit, das er mit seinem Geld in sein Haus locken wollte. Zu dieser Frau, die auf all seine Lockungen nur ein „Nein!“ gehabt hatte, lenkte er jetzt seine Schritte.

Als er die Kate nach Stunden verließ, trug er ein in ein Tuch gewickeltes Kind auf dem Arm. In der ärmlichen Kate lag die weinende Mutter auf dem irdenen Boden der Behausung und raufte sich das Haar. Neben ihr lagen die Schuldscheine, sie waren nun der Kaufpreis für ihr einziges Kind.

In der Mühle gingen inzwischen zwei Verbrecher an einen grausamen Bau. Der Baumeister mauerte unter allerlei Zaubersprüchen. Niemand erfuhr diese böse, diese ruchlose Tat. Kurze Zeit später wurde die Unstrut so groß und wild wie nie zuvor. Das Wehr aber trotzte den Wogen, als sei es aus Granit erbaut.


Am nächsten Tag, die Wellen der Unstrut hatten sich wieder etwas geglättet, ging die unglückliche Mutter, die seitdem ihre Kate nicht mehr verlassen hatte, nach der Mühle, um den Müller auf den Knien zu bitten, ihr das Kind zurückzugeben. Sie glaubte ja, denn das hatte man ihr erzählt, der Müller habe ihr Kind aus Kinderliebe, als Sonnenschein für seine alten Tage, in Pflege genommen.

Als sie den großen Wohnraum der Mühle betrat, saßen der Müller und der Baumeister gerade bei einer Kanne Wein zusammen. Sie wollten das standhafte und wunderbare Widerstehen des Wehres während des gestrigen Unwetters mit einen Trunke feiern. Dazu trat nun die weinende Frau. Der Müller erschrak, als er die abgehärmte Mutter “seines“ Kindes sah. Ehe die Frau einen Ton sagen konnte, sprang der Baumeister auf, ergriff ihren Arm und zog sie mit Gewalt zur Tür hinaus, auf den Steg des Wehres, um seine Rache zu krönen. Der Müller schlich hinterdrein.


Als die unglückliche Frau mit den beiden Schurken über dem Flusse stand, begann das Wasser plötzlich zu brausen und zu toben und schwoll gewaltig an. Da, auf einmal entstieg der höchsten Welle eine wunderschöne Nixe. In den Armen hielt sie ein kleines Mädchen, das lustig zappelte. Im gleichen Augenblick wurde die erschrockene, entsetzte, nichts ahnende Mutter von einer Welle ergriffen.












Als sie wieder zur Besinnung kam, lag sie am Ufer der Unstrut. Ihr Kind patschte in ihren nassen Kleidern. Als die Mutter überglücklich ihr Kind an sich drückte, flog ihr immer noch etwas bangender Blick nach dem Wehr an der Mühle. Das schwankte und wankte, knirschte und schlug. Schließlich hielt es den Wellen nicht mehr stand und barst.

Mit den Trümmern des Wehres sanken sein gewissenloser Besitzer und sein böser Baumeister mit auf den Grund. Die arme Frau jedoch ging mit Ihrem Mädchen zurück in Ihre Kate, weinte vor Glück und erzählte fortan die Geschichte von der  Unstrutnixe ...

zurück