„Ja“,
flüsterte der Baumeister noch einmal, „unsere Mühe ist umsonst,
wenn Ihr nicht im geheimen ein Kind kauft, das noch an der
Mutterbrust trinkt. Das müssen wir lebendig mit einmauern“,
antwortete der gewissenlose Baumeister, „wenn das Wehr der Gewalt
des Wassers widerstehen und nicht in seinen Grundfesten erschüttert
werden soll.“
Eifrig und in aller Heimlichkeit war der Müller nun darauf
bedacht , ein solches Kind zu kaufen. Doch hier schien die Macht
seines Geldes zu Ende. Er ging in die ärmlichsten Katen, und davon
gab es gar viele zu damaliger Zeit im Thüringer Land. Er ging zu
den ärmsten Witwen, die kaum etwas für sich und ihre Kinder zu beißen
hatten. Keine brachte es übers Herz, ein lebendes, wehrloses Wesen
für Geld zu verkaufen.
Das hatte der schurkische Baumeister erwartet. Jetzt, als ihm der Müller
die Ohren vollklagte, hielt er seine Zeit für gekommen. Er
versprach dem Müller, ehe eine Woche vergehe, wolle er ihm den
Kaufpreis sagen und ihm das Kind bringen. Damit verließ er die Mühle.
Einen lang gehegten Rachewunsch wollte er sich jetzt erfüllen.
Unweit der Mühle wohnte in einer Kate eine Frau mit ihrem Säugling.
Ihr Mann war im Turm zu Thamsbrück. Der arme, bei ihm in tiefer
Schuld stehende Häusler hatte einst das Mädchen gefreit, das er
mit seinem Geld in sein Haus locken wollte. Zu dieser Frau, die auf
all seine Lockungen nur ein „Nein!“ gehabt hatte, lenkte er
jetzt seine Schritte.
Als er die Kate nach Stunden verließ, trug er ein in ein Tuch
gewickeltes Kind auf dem Arm. In der ärmlichen Kate lag die
weinende Mutter auf dem irdenen Boden der Behausung und raufte sich
das Haar. Neben ihr lagen die Schuldscheine, sie waren nun der
Kaufpreis für ihr einziges Kind.
In der Mühle gingen inzwischen zwei Verbrecher an einen grausamen
Bau. Der Baumeister mauerte unter allerlei Zaubersprüchen. Niemand
erfuhr diese böse, diese ruchlose Tat.
Kurze Zeit später wurde die Unstrut so groß und wild wie nie
zuvor. Das Wehr aber trotzte den Wogen, als sei es aus Granit
erbaut.
Am nächsten Tag, die Wellen der Unstrut hatten sich wieder etwas
geglättet, ging die unglückliche Mutter, die seitdem ihre Kate
nicht mehr verlassen hatte, nach der Mühle, um den Müller auf den
Knien zu bitten, ihr das Kind zurückzugeben. Sie glaubte ja, denn
das hatte man ihr erzählt, der Müller habe ihr Kind aus
Kinderliebe, als Sonnenschein für seine alten Tage, in Pflege
genommen.
Als sie den großen Wohnraum der Mühle betrat, saßen der Müller
und der Baumeister gerade bei einer Kanne Wein zusammen. Sie wollten
das standhafte und wunderbare Widerstehen des Wehres während des
gestrigen Unwetters mit einen Trunke feiern. Dazu trat nun die
weinende Frau. Der Müller erschrak, als er die abgehärmte Mutter
“seines“ Kindes sah. Ehe die Frau einen Ton sagen konnte, sprang
der Baumeister auf, ergriff ihren Arm und zog sie mit Gewalt zur Tür
hinaus, auf den Steg des Wehres, um seine Rache zu krönen. Der Müller
schlich hinterdrein.
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Als
die unglückliche Frau mit den beiden Schurken über dem Flusse
stand, begann das Wasser plötzlich zu brausen und zu toben und
schwoll gewaltig an. Da, auf einmal entstieg der höchsten Welle eine wunderschöne Nixe.
In den Armen hielt sie ein kleines Mädchen, das lustig zappelte. Im
gleichen Augenblick wurde die erschrockene, entsetzte, nichts
ahnende Mutter von einer Welle ergriffen.
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Als sie wieder zur Besinnung kam, lag sie am Ufer der Unstrut.
Ihr Kind patschte in ihren nassen Kleidern. Als die Mutter überglücklich
ihr Kind an sich drückte, flog ihr immer noch etwas bangender Blick
nach dem Wehr an der Mühle. Das schwankte und wankte, knirschte und
schlug. Schließlich hielt es den Wellen nicht mehr stand und barst.
Mit den Trümmern des Wehres sanken sein gewissenloser Besitzer und
sein böser Baumeister mit auf den Grund. Die arme Frau jedoch ging
mit Ihrem Mädchen zurück in Ihre Kate, weinte vor Glück und
erzählte fortan die Geschichte von der Unstrutnixe ...
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